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fussballEntschuldigung: Das war nicht wie fälschlich angekündigt der Steilpass MÄRZ sondern die brillante Olympianachlese von Siegbert Heid.

Irgendwie ist das hier auf unserer Insel ja auch ein wenig wie in einem Olympischen Dorf. Aber lest doch selbst: Die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi Bei der Fußball-WM 2010 in Südafrika stellte sich die bange Frage, ob denn die Stadien und die benötigte Infrastruktur rechtzeitig fertig werden würden. Diese Frage scheint sich jetzt [März 2014] noch viel dringender für die Fußball-WM 2014 in Brasilien zu stellen. Dasselbe musste man sich angesichts der Sotschi-Vorbereitungen auch fragen. Da wurde ja auch bis zur letzten Minute gebaut und gebastelt. Das Schöne an den Bergen des Kaukasus war aber, dass sie rechtzeitig fertig waren. Da wurde schon ein wenig früher mit angefangen. Nur einige Streiflichter wollen wir in Erinnerung halten:

Es war kurz vor Mitternacht. Er stand ohne Gepäck geduldig in der langen Schlange vor dem Empfang des Aparthotels. Seine gleichermaßen würdige und stoische Haltung mit Hausschuhen an den Füßen wiesen ihn als englischen Gentleman aus. Vor ihm erhielten zwei Schweizer, ein Asiate und ein Deutscher ihre Schlüssel. Fast stotternd erklärte er “Sorry, but in my room, there…there is no bed”, d.h. ein Zimmer ohne Bett, das ist einmal was Besonderes. Die vier vor ihm, rissen ihre Koffer an sich, stürmten den Aufzug, fanden ihr Bett und schmissen sich hinein. Was mit dem Engländer passierte, verliert sich in der russischen Organisationskunst, geprägt von einem Schuss geduldiger Melancholie und russischer Gemütlichkeit.

Paart sich diese Organisationskunst mit dem russischen Verständnis vom ehrbaren Handwerk, dann gelingen immer wieder originelle Lösungen. Die russischen Handwerker scheuen in ihrem Bemühen nach direkten Lösungen auch vor ungewöhnlichen Entscheidungen nicht zurück. Da sahen wir das Hotelzimmer, in dem der Heizkörper in ca. 3 Meter Höhe angebracht war. Es fehlten die Rohre, um ihn direkt unter dem Fenster anzubringen. Kein Problem für einen kernigen Russen. Dann bringt er ihn eben oben an, wo das Zuleitungsrohr aus der Wand kommt. Wie man an den Regler kommt, so es einen gibt, ist nicht sein Problem. Dafür ist ein anderer zuständig. Hat das Hotel 150 Zimmer, dann müssen eben 150 Leitern angeschafft werden.

Kurz vor dem Training stand der US-Bobathlet Bobby Quinn im Bad unter der Dusche. Noch wohlgelaunt hinderte ihn aber die klemmende Tür, an seine Kleidung zu kommen. Man muss wissen, dass die Türen zu den Bädern im olympischen Dorf aus Presspappe bestehen. Die wurden nach dem Motto „ Passt, wackelt und hat Luft“ eingebaut. Wer heiß duscht, so dass sich die Türen durch die Feuchtigkeit verziehen, ist selbst schuld. Dafür können doch die Handwerker nichts. Unser Ami war bald nicht mehr wohlgelaunt. Er wollte pünktlich zum Training anwesend sein. Kurz entschlossen durchlöcherte er mit seinem massigen Körper aus lauter Muskeln die Tür und fand sich pünktlich zum Training ein. Er wird für die zwei Wochen eine Tür haben, durch die man buchstäblich schreiten kann. Jetzt ist der arme Kerl im Aufzug stecken geblieben. Er kam nicht mehr heraus. Quinn wird froh sein, wieder zuhause zu sein.

In einem anderen Bereich hatte man die Türen vorsichtshalber gleich weggelassen. So konnte man auf der Toilette nebeneinander ohne störende Wand seiner dringenden Beschäftigung nachgehen und gleichzeitig einen Plausch halten. Da hat man sich offensichtlich an Vorlagen aus dem antiken Rom orientiert. Belebend war auch, wenn der Kaukasussalamander im Bad aus einem Wandloch herauslugte und beobachtete, was sich da komisches tut. Soweit der Toilettensitz fest angeschraubt war, ging das Geschäft problemlos. Oftmals war er aber nur so auf den Boden gestellt. Das erforderte dann ein wenig Feingefühl.

Wie man sich in Schwierigkeiten bringen kann, ohne vor Ort zu sein, demonstrierte ein sturzbesoffener Ukrainer. Im ukrainischen Charkiw (russisch Charkow) kam er wohl deshalb ins Flugzeug nach Istanbul, weil man mit Passagieren, die „dicht“ sind, etwas großzügiger ist, als anderswo. Während des Fluges sprang er auf und befahl: „ Wir fliegen jetzt nach Sotschi“ Diesen Befehl missachtend, überwältigte man ihn. Die türkische Polizei nahm ihn in ihre Obhut. Das war sicherlich ungemütlicher als in Sotschi zu sein.  

Den Abfahrtslauf der Männer musste man um  15 Minuten verschieben, weil man die Liftkapazität für die Athleten zu knapp bemessen hatte. Macht ja nichts, mit ein wenig Improvisation bekommt man das geregelt. Man muss nur den Leim ein wenig heiß machen, heißt in der Beziehung eines der vielen Russischen Sprichwörter.

Rechtzeitig fertig war das „Deutsche Haus“, das allerdings im Laufe der zwei Wochen unter seinen Möglichkeiten blieb, im Gegensatz zum Haus der Österreicher. Dort ging offensichtlich jeden Abend die Post ab. Schnell waren im Deutschen Haus Weißwürste, Bier und Brezeln alle. Bei den Brezeln habe ich Verständnis, bei den Würsten und Bier nicht. Zwar gibt es in Baden-Württemberg die besten Brezeln, das muss man aber nicht weiter sagen. In Ermangelung ausreichender Marktübersicht hat nun die EU die Brezel aus Bayern unter Schutz gestellt. Sechs Jahre hat EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos dafür gebraucht, bis die Brezel in das europäische Register regionaltypischer Spezialitäten aufgenommen wurde und im EU-Amtsblatt verkündet wurde. Den Bauch vom armen Dacian möchte ich nicht haben. Das hätte sich der Bäcker Anton Nepomuk Pfannenbrenner auch nicht träumen lassen, als er am 11. Februar 1839 eine geformte Teigbrezel statt in Zuckerwasser versehentlich in Natronlauge hielt.

Es waren aber nicht die Sportler allein, die scharf auf die Brezeln waren. Es waren auch die Verantwortlichen für die Wettbewerbe, für die man eine Loipe brauchte. Um dieselbe nämlich zu festigen, verwandte man das Salz der Brezeln. Dieses Salz sollte dem Schnee die Feuchtigkeit entziehen. Ein Umstand, der später die hochgerüsteten Norweger noch in arge Verlegenheit bringen sollte. Die gewannen nämlich zunächst nicht viel, weil ihre Ski nicht mithalten konnten. Die Wachsspezialsten hatten in ihrem modernsten und größten aller Wachscontainer zunächst kein Mittel gefunden, wie man dem bayerischen Brezel-Salz entgegenwirken konnte.  

An anderer Stelle fand einmal mehr der Blatter  Sepp, seines Zeichen Weltfußballpräsident (FIFA) ein internationales Podium. Auf der IOC-Vollversammlung nahm sich der 77-jährige die Altersregelung des IOC vor und verwarf sie als „Akt der Diskriminierung“. IOC-Funktionäre müssen seit Dezember 1999 mit 70 aus der Organisation ausscheiden. Waren sie  damals schon Mitglied, dann ist nun aber spätestens mit 80 Sabbat. Dagegen sind die deutschen Gesetze über die Altersgrenze bei Bürgermeistern geradezu rigoros. Spätestens mit 73 ist für jeden Hauptamtlichen das Ende der Fahnenstange erreicht.

Humor hat er schon, unser Freund Blatter. Er rief zu Veränderungen auf durch demokratische Mittel. Wer die Winkelzüge der FIFA kennt, weiß, dass der Begriff Demokratie dort unbekannt ist. „ A Hund is er scho“, würde jetzt jeder Bayer sagen, dem direkte Durchstechereien nicht fremd sind. Listig hat Blatter aber etwas ganz anderes erreicht. Er signalisierte seinem Konkurrenten Platini, Präsident des Europäischen Fußballverbandes (UEFA), dass er noch einmal für fünf Jahre für die FIFA-Präsidentenschaft kandidieren wird. A Hund is er scho, sage ich jetzt auch.

Auf Schützenfesten oder Karnevalsumzügen ist man als Fahnenträger benachteiligt. Man ist nämlich von der Kaltgetränkezufuhr abgeschnitten. Das ist bei Olympia auch so. Gleichwohl ist das Amt des Fahnenträgers als herausragendes Ehrenamt sehr begehrt. Liest man die Liste der Fahnenträger bei Winterolympiaden seit 1928, dann ist das ein Gotha des deutschen Wintersportadels. Lediglich Rosi Mittermaier hat das nie geschafft.

Nach Hilde Gerg 2002 ist die Sportkameradin Höfl-Riesch die zweite aus dem Alpin-Lager, die die Fahne tragen darf. Andrea Henkel als weitere Kandidatin schützte Trainingsverpflichtungen vor und Claudia Pechstein machte sich den Politikerspruch zu eigen: „ Was Du nicht verhindern kannst, musst Du begrüßen.“ Brav begrüßte sie die Entscheidung.

Die Eröffnungsfeier war lang. Sie war eine grandiose Mischung aus Geschichte, Kultur und Kitsch, also etwas für die russische Seele. Für sie musste auch etwas getan werden. Schließlich zahlt der russische Steuerzahler die Zeche und nicht die Oligarchenmilliardäre. 30 Milliarden Euro soll das Ganze gekostet haben, andere rechnen bis zu 50, je nachdem man welche Veränderungen mit einbezieht. Sie sind damit so teuer wie die letzten fünf Winterspiele zusammen. In diesem Zusammenhang habe ich gelernt, dass das Sprichwort

„ Der Rubel rollt“ in Russland völlig unbekannt ist. Die Einheimischen können sich darunter nichts vorstellen.

Jedenfalls berichteten Athleten wie Offizielle zur Eröffnungsfeier, dass sich die Wettkampfstätten alle in optimalem Zustand befänden. Für die 14 Sportarten mit ihren 98 Entscheidungen war also der Tisch gedeckt.

Der Einmarsch der Nationen – es waren 88 mit 2861 Athleten - war bunt wie selten. Interessant waren einmal mehr die Exoten. Die Delegationen von den Bermudas und den Caymaninseln haben das Richtige angehabt. Sie kamen in kurzen Hosen in das subtropisch gelegene Stadion, das an diesem Abend allerdings keine subtropische Temperatur aufwies. Gleichwohl waren die anderen in ihren Polaruniformen viel zu warm angezogen. Herausgehoben ob ihrer spektakulären Mützen präsentierten sich die Kirgisen. „ Die Mützen sind dort üblich“, konterte die Mützenexpertin an meiner Seite mein Erstaunen. Die Dame kennt sich halt aus auf der Welt. Dabei soll uns auch der Bergläufer aus Nepal in Erinnerung bleiben. Man hatte ihn als Nepalesen in Frankreich entdeckt und schulte ihn um zum Langläufer.

Ebenso dürfen wir den Skirennläufer aus Osttimor nicht vergessen. Dort hat es noch nie geschneit. „ Ich kann auch meinen Landsleuten nicht erklären, was ich in Sotschi mache.“ Yohann Goutt Goncalves, 19 J., wird später im Slalom starten und im Gegensatz zu Felix Neureuther auch ins Ziel kommen.

Ebenso aussichtsreich startete Bruno Banani für Tonga im Eiskanal. Er nahm den Namen seines Sponsors an, einem Produzenten für Herrenunterwäsche und Parfums. Er wird schließlich 32. in seiner Disziplin Rodeln.

Insgesamt sind 24 Nationen mit einem Einzelstarter oder einer -Starterin vertreten. Die berühmteste ist Vanessa Mae. Sie startete für Thailand im Riesenslalom. Ihr Geld verdient sie als Violinistin. Sie wird schließlich mit ca. 50 Sekunden Rückstand 74. werden.

Es ist wichtig, die Exoten dabei zu haben. Sie sind die wahren Amateure im Vergleich zu den europäischen und amerikanischen Profisportlern. Um in das olympische Programm zu passen, muss nämlich die Sportart in 25 Ländern auf drei Kontinenten vertreten sein. Zum ersten Mal bei Olympischen Winterspielen waren dabei: Britische Jungferninseln, Dominica, Malta, Osttimor, Paraguay, Simbabwe, Togo und Tonga.

Die meisten Aktiven schickten die Russen ins Stadion. Nachdem sie die Zahl der US-Aktiven erfuhren, haben sie flugs noch nachbenannt. Zumindest zum Auftakt wollten sie Erste sein. Während sie einmarschierten, stimmte das russische Pop-Duo t.A.T.u. das russische Lied an: „ Ihr kriegt uns nicht.“

Die deutsche Olympiakleidung war bunt und auffällig, regenbogenfarben. Wie ein Regenbogen angezogen sein, aber zu sagen, es ist kein Protest [wider die Verfolgung Homosexueller in Russland], ist diplomatische Raffinesse. Die britische Zeitung „The Week“ hat eine Rangliste der besten Einmarsch-Mode kreiert. Deutschland habe dafür Gold verdient, meinte die Zeitung und stufte die russische und danach die amerikanische Kleidung zu Silber und Bronze. Es gab aber auch Zurückhaltung. Der Modemensch Glööggler kleidete seine Beurteilung in ein giftiges Lob: „ Die Kleidung gleicht meiner Haut an den Beinen, nachdem mir die Krampfadern entfernt wurden.“ Noch direkter war der Modefachmann des Manchester Guardian: „ Das sieht aus, als ob einer ins Stadion gekotzt hätte.“ Ute und ich finden die Kleidung fröhlich und farbig schön.

Danach zeigten Leuchter unter den olympischen Ringen Figuren aus den einzelnen Disziplinen in die Nacht.  Die sprachen eigentlich für sich. Gleichwohl war die deutsche Reporterin unsicher, was sie sagen sollte. „ Wo ist mein Zettel?, Wo ist mein Zettel?“ hörte man sie verzweifelt ins Mikrofon sprechen. Das erinnert an den kürzlich verstorbenen Bruno Moravetz, der den deutschen Fahnenträger von 1998, Joachim Behle, im 15 km Langlauf von Lake Placid minutenlang mit den Worten suchte: „ Wo ist Behle?“ Damit ist Moravetz in Erinnerung geblieben. Wen störten die vier Ringe in der Präsentation, war doch der Stern, der sich nicht zum Ring entfaltete, von besonderer Schönheit ? Er sollte der obere dritte Ring ganz rechts werden, der rote also.

Thomas Bach als begnadeter Strippenzieher lobte die Spiele als die Besten aller Zeiten, noch

ehe sie begonnen hatten. Die Feier war etwas für die russische Seele. Mir hat sie gefallen, heitere und kolossale Effekte wechselten sich ab. Sie war nur viel zu lang.  

Das IOC ist im Geldscheffeln ebenso unerreicht wie in das Treten großer Fettnäpfe. Was war geschehen?

Der Bruder der norwegischen Langläuferin Jacobsen war am Eröffnungstag gestorben. Die Norweger wollten mit einem Trauerflor starten. Das IOC untersagte das. Das IOC berief sich auf die Regel 50.3. Die verbietet „jede Demonstration oder politische, religiöse oder rassistische Propaganda.“ Nun trifft m.E. das Tragen eines Trauerflors auf keinen der angeführten Punkte zu. Die IOC-Sprecherin Emmanuelle Moreau erklärte dazu: „ Doch wir glauben, dass die Wettkampfstätten, in denen die Atmosphäre festlich ist, nicht der richtige Ort für Trauer sind.“ Die Schwester des Verstorbenen startete im Langlauf-Sprint trotzdem mit Trauerflor. Sie sollte unser aller Mitgefühl haben.

Spätestens hier müssten die IOC-Mitglieder sich fragen, ob die Regeln für die Athleten da sind oder umgekehrt die Athleten für die Regeln ? Wo bleibt hier die Menschlichkeit? Trauer ist keine Propaganda, sie ist weder politisch, noch religiös oder gar rassistisch. Was ist das für ein bescheuertes Denken?

Eine weitere Eigenart im Verhältnis IOC – Sotschi darf nicht unerwähnt bleiben. Da nur Gazpromvertreter wie der ehemalige Bundeskanzler Schröder in Putin einen „lupenreinen Demokraten“ sehen, hat das IOC erreicht, dass wenigstens ein Demo-Platz eingerichtet wurde, auf dem man Meinungen veröffentlichen darf, die nicht ganz staatskonform sind. Listigerweise hat die Regierung diesen Platz 15 km außerhalb von Sotschi verlegt. Man durfte da auch nicht einfach zum Demonstrieren hingehen. Man brauchte drei Genehmigungen, eine lokale und zwei aus Moskau, u.a. vom Innenministerium. Bis die dann endlich eintrafen, war Olympia rum und danach wurde die Möglichkeit des Demonstrierens wieder ersatzlos gestrichen. Das interessierte aber weder Bach noch seine Kungelbrüder vom IOC.  

IOC-Sprecher Adams bedarf dringend der Nachhilfe in der Geschichte der olympischen Idee. Er wurde auf die Toten von Kiew und deren Bedeutung für den olympischen Frieden angesprochen. Er antwortete: „ Ich bin mir nicht sicher, ob der olympische Waffenstillstand ein wichtiges Symbol für uns ist.“ Dazu fällt mir sehr viel ein. Ich will aber niemand langweilen.

 

Die einzelnen Wettbewerbe

Für mich bleibt die Bemerkung vom ehemaligen Weltmeister und Olympiasieger Sven Fischer nach der Biathlon- Verfolgung Männer in Erinnerung, nachdem Simon Schempp mit dem letzten Schuss als Sechster eine Medaille verfehlte. Sven Fischer: „ Er wäre fast Vizeolympiasieger geworden.“ Er kennt sicher den Spruch, dass Prognosen besonders schwierig sind, wenn sie auf die Zukunft bezogen sind. So hat er umgekehrt aus der Gegenwart in die Vergangenheit geschaut.

Eine komplette Katastrophe war dieser Wettbewerb bei den Frauen. Mehr als die Plätze 27, 29, 30 und 40 waren nicht drin. Dabei half ihnen noch der Moderator, der auch uns Zuschauer erklärte, warum beim Stehendschießen das Gewehr sich rauf und runter bewegt.: „ Wenn das Schwarze ins Visier kommt, musst Du einfach abdrücken.“ Das ging daneben. Dagegen blieb die Weißrussin Domracheva bei ihrem ersten von zwei Siegen „ kühl wie eine Tiefkühlpizza“. Fazit nach den ersten Rennen: Bei nassem Schnee laufen sie schlecht. Bei nassem Schnee und Nebel laufen und schießen sie schlecht. Das war beim Massenstart der Herren über 15 km nicht besser. Mehr als die Plätze 13, 18 und 26 war nicht zu erreichen.

Diesen Teufelskreis durchbrach Erik Lesser über 20 km. Hinter dem französischen Favoriten Martin Fourcade wurde er Zweiter vor dem Russen Garanichev. Nach seinem ersten Schießen half uns der Reporter das Staunen über seine fehlerfreie Leistung zu verkraften: „ In der Einfachheit liegt die Schwierigkeit“. Bis ich das verdaut hatte, war Lesser als Zweiter durchs Ziel gelaufen.

Miriam Gössner konnte nach ihrem Unfall mit dem Rad in Sotschi nicht dabei sein. Ihren Freund Felix Neureuther überraschte sie vor dessen Abreise nach Sotschi, sie wolle die Zeit nutzen und im Playboy die Hüllen fallen lassen. Eine hüllenlose Miriam ist dem Felix nicht fremd. Es scheint ihn aber doch so verwirrt zu haben, dass er auf der Fahrt zum Flughafen das Blitzeis nicht merkte und prompt in die Leitplanke fuhr. Schleudertrauma und Zerrung des Bandapparates war die Diagnose. Der französische Biathlonolympiasieger Martin Fourcade hatte sich bereits den Playboy verschafft und getwittert, dass Miriam’s Rücken ihm jetzt noch besser gefiele. Felix Neureuther dürfte die Worte des Charmeurs mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen haben. Er kennt sich bekanntermaßen an ihrem Rücken besser aus.

In der Sportart Biathlon gab es insgesamt 11 Wettbewerbe. 33 Medaillen wurden verteilt. Die zwei Silbermedaillen von Eric Lesser und der Herrenmannschaft sind mickrig. Ein völliges Desaster gab es bei den Damen.

In der Mixed-Staffel gab es ebenfalls nichts zu holen. 9 x schoss man daneben !! 

Die Damenwettbewerbe waren geprägt von der Weißrussin Danja Domratschewa. Sie gewann dreimal Gold. Triumphierte im Damen-Sprint die Slowakin Kuzmina und in der Damenstaffel die Ukraine, kam für die sonst so erfolgverwöhnten Norwegerinnen nur eine Goldmedaille im Mixed heraus. Allein schafften sie es nicht. Es bedurfte der grandiosen Leistung ihres Kollegen, des Olympiasiegers im Massenstart, Emil Hegle Svendsen,  um wenigstens einmal vor Tschechien und Italien ganz oben auf dem Treppchen stehen zu können. 

Die Damenstaffel startete mit einem Novum. Startläuferin Franziska Preuß stürzte nicht bergabwärts in einer steilen Kurve, nein sie stürzte bergaufwärts. So etwas habe ich vorher noch nicht gesehen. Dabei verlor sie den Stock und verstopfte das Gewehr mit Schnee. Am Schießstand musste dasselbe erst einmal gereinigt werden. Prompt schoss sie dreimal daneben. In Anlehnung an Fußballweltmeister Andy Brehme (1990), der nach einem verlorenen Spiel einmal sagte: „ Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß“, kann man nun sagen, haste Schnee im Lauf, haste Schnee im Lauf. Die Damen wurden 11. Sie trieben die anderen noch nicht einmal vor sich her. Sie liefen ihre Runden wie Freizeitsportler.

Alle waren überzeugt, schlimmer geht es nimmer und es wurde schlimmer. Eva Sachenbacher – Stehle wurde des Dopings überführt ( Methylhexanamin). Die muss noch eine Schwester haben. So blöd kann eine allein nicht sein.

Die drei Bob-Wettbewerbe setzten das Desaster fort. Erstmals seit Innsbruck 1964 reichte es nicht zu einer Medaille. Boblady Kiriasi fasste sich kurz: „ Das Schwierige an der Bahn ist, dass sie so schwierig einzuschätzen ist.“ Wo sie Recht hat, hat sie Recht. Bobkamerad Florschütz analysierte ergänzend messerscharf: „ Wenn wir die Fehler nicht gemacht hätten, wären wir so schnell wie die anderen gewesen.“

Bei den Bob-Wettbewerben spielen drei Faktoren die entscheidende Rolle:

Start = Anschubzeit, fahrerisches Können, Material

Bei den Anfangszeiten fuhren die Deutschen schon hinterher. Das lag an mangelnder Fitness und damit bedingter geringerer Schubkraft. Das fahrerische Können kann ich nur daran beurteilen, wie häufig und fest man mit der Bande kollidierte. Das war, gemessen an der Konkurrenz, höchstens Mittelmaß. Beim Material spielen die Kufen eine wichtige Rolle. Im Forschungsinstitut in Berlin/Leipzig ( Institut für die Forschung und Entwicklung von Sportgeräten ) arbeiten keine Anfänger. Sie haben auch in der Vergangenheit das Material geliefert. Das Material dürfte auch als Ausrede weitgehend ausfallen. Die Entwicklung der Sotschi-Bobs hat der Steuerzahler mit 900.000.- finanziert.

D.h., wir Steuerzahler haben unser Bestes, nämlich unser Geld, gegeben. Die Athleten nicht. Das beweisen die schlechten Startzeiten, die aber Voraussetzung sind für gute Platzierungen. Hier muss von den Verantwortlichen kritisch nachgefragt werden. In Sotschi musste man niederländische Bobs, die in ihren Fahrtzeiten den Deutschen gefährlich nahe kamen, genau beobachten. Deutlicher lässt sich die Bankrotterklärung nicht formulieren, angesichts der vier Bobbahnen, die man in Deutschland für Hochleistungssport zur Verfügung hat.

Eine Nebenbemerkung am Rande: Der Schweizer Hefti holte sich hinter dem Russen Silber. Vorher war er von der Schweizer Armee wegen Rückenproblemen ausgemustert worden. Gerade beim Bobfahren muss der Rücken die größten Belastungen aushalten.

Stattdessen kann ich mich an Curling nicht satt sehen. Gäbe es im Rheinland eine Gelegenheit, diesen Sport auszuüben, wäre ich dabei.

Besonders das Damencurling hat es mir angetan. Um die Steine ins Zentrum zu geleiten, wird das ohnehin blanke Eis von zwei Fegern nochmals gefegt, gepaart mit Anfeuerungsrufen der durchweg bildhübschen Damen. Besonders gut gefiel mir die Kapitänin ( Skip ) der Kanadierinnen. Sie ist im richtigen Leben übrigens Rechtsanwältin in Winnipeg. Sie wurde mit ihrer Mannschaft prompt Olympiasiegerin. Die Deutschen, Damen wie Herren, reihten sich unter „ferner liefen“ ganz hinten ein. Für sie gab es bei jeder Begegnung eins auf die Mütze.

Unser täglich Curling gib uns heute, konnte ich zum Frühstück sagen. Ute legte Wert auf die Feststellung, dass dies mehr ist als „Hausfrauenfegen“. Ich weiß jetzt auch, was ein „Durchläufer“ ist. Der eigene Stein, der im Zentrum am besten liegt, soll nicht gefährdet werden. Deshalb schiebt man den folgenden Stein, der gespielt werden muss an ihm weit vorbei. Das traue ich mir jetzt schon zu.

Dem Oscar-Preisträger Sir Richard Attenborough hätte man stundenlang zuhören können. Er kommentierte für die BBC den Wettbewerb. Er schildert wie „ eine übergroße Walnuss wie auf einem vereisten Fluss geschoben wird und das Alphaweibchen ihre Dominanz über die Herde mit den tanzenden Besen“ demonstriert. 

Bei den Herren siegte Kanada vor Großbritannien und Schweden, bei den Damen Kanada vor

Schweden und Großbritannien. Die Britinnen und Briten stammten ausnahmslos alle aus Schottland.

Erst jetzt habe ich mich informiert, dass dies eine uralte Art ist, sich die Zeit zu vertreiben. Der älteste Stein ist aus dem Jahre 1511 nachgewiesen. Den ersten Club gab es bereits 1716 in Schottland.

Am Eishockeywettbewerb war eine Damen- und keine Herrenmannschaft aus Deutschland beteiligt.

Günter Peter Plog ist ein Slalomfahrer des Wortes. Statt die USA und Kanada im Dameneishockey als einzige Anwärter auf Gold und Silber zu benennen, kurvte er mit dem Satz: „ Bronze im Dameneishockey, das ist das Gold der Minderbegabten. Weit vorne sind USA und Kanada“ durch den Stangenwald deutscher Worte. Er war es aber nicht, der uns während des Spieles der Damen Schwedens gegen Deutschland belehrte: „ Auch hier entscheiden die Tore die Partie und die Deutschen wollen nicht aufs Tor schießen.“ Das muss ja auch einem erst einmal erklärt werden. Folgerichtig konnten sie sich nach der Vorrunde andere Wettbewerbe anschauen und die Platzierungsrunde gelassen angehen. Tröstlich war der 4 : 0 Sieg gegen die Japanerinnen, dem später gegen dieselben noch ein 3 : 2 Sieg folgte. Damit war man vor dem Abstieg gerettet. Bundestrainer Peter Kathan legte den Finger in die Wunde. Die Spielerinnen müssen mehr trainieren können, forderte er. „ Es reichen keine zwei Lehrgänge im Jahr, die die Spielerinnen noch selbst finanzieren müssen.“

Die Männer sind gar nicht dabei. Sie scheiterten in der Qualifikation an Österreich. Jetzt bekamen diese beim Turnier die Hucke voll.  

Da hatten es die russischen Herren in dieser Disziplin viel schwerer. Die Goldmedaille war fast Staatsauftrag. Alles andere zählte nicht für die „Sbornaja“ wie die Mannschaft genannt wird. Es ist schon 22 Jahre her, seit sie ein olympisches Eishockeyturnier gewonnen hat. Dazu muss man wissen, dass Eishockey Nationalsport Nr. 1 in Russland ist. Alle sehnen sich nach dem Olympiasieg. Niemand erinnert sich dagegen an Sieger oder Siegerinnen im Biathlon oder Bob. Das Eishockeyturnier degradierte für die Russen die restlichen 97 Wettbewerbe zum Rahmenprogramm. Er meinte es scherzhaft, aber mit ernstem Hintergrund, als Superstürmer Owetschkin sinnierte: „ Tja, dann kostet Gold eben 50 Milliarden Dollar“. 

Den ersten Dämpfer gab es in der Vorrunde. Man verlor gegen die USA mit 6 : 7 nach Penaltyschießen. Dabei war für mich neu, dass jeder, der will, für seine Mannschaft auch mehrmals zum Schießen antreten kann. Da gibt es keine Beschränkung. Die endgültige Katastrophe brach über die Russen im Viertelfinale herein. Gegen Finnland verlor man 1 : 3 und schied aus. Putin hat das Abschneiden nicht kommentiert. Das ist in Russland die Höchststrafe. „ Das ganze Team ab nach Sibirien“, meinte eine enttäuschte Russin vor dem TV-Mikrofon. Stattdessen flogen die NHL-Stars (amerikanisch-kanadische Profiliga) aus Russland, Kanada, USA, Finnland und Schweden gemeinsam am Ende des Turnieres in einem NHL-Flugzeug in die USA. Dort wurde die unterbrochene Meisterschaft fortgesetzt.

Das russische Abschneiden beweist, dass hervorragende Spieler noch keine Mannschaft ergeben. Das wird ja auch das Problem von Jogi Löw bei der Fußball-WM in Brasilien sein.

An Verletzungen übertrifft der russische Eislaufstar Jewgeni Pluschenko noch die alpinen Rennläufer. Mit der ersten Goldmedaille im Team-Wettbewerb Eiskunstlauf gewann er die Goldmedaille und damit immer eine Medaille bei vier Olympiaden. Das kostete ihn zwölf Operationen am Rücken und an der Bandscheibe. Der Rücken hielt dann im Einzelwettbewerb nicht mehr. Er gab auf.

Die deutsche „Mission Gold“ im Paarlaufen hielt ich von Anfang an für absurd und übertrieben. Was die deutschen Journalisten alles anstellten, um Aljona Sawtschenko/Robin Szolkowy aus Chemnitz zu Favoriten herbeizureden, war abenteuerlich. Der dritte Platz war mit der Bronzemedaille verdient und angemessen.

Näher betrachtet werden muss aber die Damenentscheidung. Die Koreanerin Kim Yu Na, Weltmeisterin, gewann Silber, obwohl sie wie eine vom Wind gehauchte Feder fehlerlos über das Eis schwebte. Gold gewann die Russin Adelina Sotnikowa. Dritte wurde die Italienerin Carolina Kostner. Katharina Witt war ob der Entscheidung zugunsten der Russin sprachlos. Das will bei ihr was heißen.

Dabei hatte das IOC vor den Spielen mit Interpol eine Vereinbarung geschlossen, um gegen Betrug bei Olympia vorgehen zu können. Das war für die Katz, wie es dieser Fall zeigt.

Erkundigen wir uns zunächst, wer eigentlich in der Jury saß ? Das war einmal Alla Schechowtsewa, Frau des Generaldirektors des russischen Eiskunstlaufverbandes und der Ukrainer Jurij Balkow. Letzterer war für ein Jahr gesperrt, weil er 1998 in Nagano die Eistanzentscheidung zu manipulieren versuchte. Wer in die Jury entsandt wird entscheidet die internationale Eislaufunion. Deren Entscheidungen sind Tatsachenentscheidungen wie im Fußball. Sie sind nicht anfechtbar. Im Gegensatz zum Fußball wird aber im Eiskunstlauf nicht offen gelegt, wer wie gewertet hat. Die Punktevergabe bleibt anonym. Eine russische Funktionärin meinte dazu: „ Wir wissen, wer gewonnen hat. Wir haben nach den Regeln das Spiel gespielt. Wir haben das Spiel gewonnen.“ Blanker geht Zynismus nicht.

Auch im Eishockey nennt man die Schiedsrichter „Unparteiische“. Beim Eiskunstlauf kommt niemand auf den Gedanken, die Punktrichter so zu benennen.

„ Die Deutschen denken manchmal zuviel“, analysierte Moderator Poschmann beim Eisschnelllauf. Das galt ebenso für die Anfangswettbewerbe im Skispringen, Biathlon und Langlauf – eine Pleite nach der anderen. „ Es hat auch Spaß gemacht, bis auf die Tatsache, dass es von Anfang an ein Würgen war.“ ( Christoph Stephan als 58. ).

Jenny Wolf hat sich über die 500 m glanzlos verabschiedet. Es bleibt aber ihr zweiter Platz von Vancouver in Erinnerung. Claudia Pechstein hatte ebenso Pech mit ihrem vierten Platz über 3000 m wie Nico Ihle (Chemnitz) und Samuel Schwarz (Berlin) über 1000 m. Sie wurden Vierter und Fünfter. Auch in Sotschi pflegten die Damen ihren „ Zicken-Krieg“. Claudia Pechstein war einmal mehr dabei. Die Friesinger-Postma wurde auf der anderen Seite nun von Stephanie Becker abgelöst. Die Friesinger hielt aber von zu Hause aus nicht still.

„ Es gibt nichts Schlimmeres als Ex-Athleten, die sich als Besserwisser aufspielen“, regte sich DOSB-Präsident Hörmann auf.

In 12 Wettbewerben wurden 36 Medaillen vergeben. Für Deutschland gab es keine einzige. Erstmals seit 50 Jahren gab es auch hier kein Edelmetall. Claudia Pechstein ist jetzt 42 Jahre. Sie will sich in vier Jahren in Korea ihre 10. Medaille holen. Davon geht sie aus. Sie sieht im Lande keine Konkurrenz. Das zeigt mehr als viele Worte, dass hier ein struktureller und konzeptioneller Neustart unabweisbar ist. 

Neben den Deutschen waren in dieser Disziplin die Norweger die großen Verlierer. Die Holländer intensivierten ihre Anstrengungen in ihre Stärken, zumal bei ihnen die Eishallen beste Trainingsvoraussetzungen bieten. 19 ihrer 27 Medaillen holten sie sich auf der Eisbahn. Es war schwieriger, sich für Olympia in den Niederlanden zu qualifizieren, als dann dort in Sotschi eine Medaille zu gewinnen.

In den Langlaufdisziplinen setzte sich die Enttäuschung fort. In 12 Wettbewerben gewann man gerade eine Bronzemedaille und zwar mit der Damenstaffel. Das ist für eine Sportnation zu wenig. Dabei ist das so einfach wie Björn Dähli, Norwegens Langlaufidol früherer Tage formulierte: „ Du musst nur ein bischen schneller laufen als die anderen, sagt meine Frau immer.“ Der Rat wurde in der Männer-Sprintstaffel verfolgt. Der finnische, russische und deutsche Schlussläufer hatte einen satten uneinholbaren Vorsprung vor der Konkurrenz. In der letzten Kurve ca. 150 m vor dem Ziel wechselte der Finne nicht nur die Bahn, um den Deutschen nicht vorbei zu lassen, er brachte ihn auch durch gezieltes Treten auf die Ski zu Fall. Finnland siegte vor Russland und Schweden, die Deutschen wurden unverdient 7. Ein deutscher Protest wurde abgeschmettert. Der Finne sei in der Kurve knapp vorne gewesen und durfte sich demnach die Spur raussuchen.

In den Langlauf-Einzelsprints Damen und Herren kam man auch nicht weit. Für die im Weltcup führende Denise Herrmann war das unerklärlich. „ Es waren die vor mir, die eigentlich hinter mir sein müssten.“ Denise Herrmann ist „blau gelaufen“.

Ganz unglücklich lief es für die Herren. Für sie war im Vorlauf schon das Ende der Fahnenstange erreicht.

Über 10 km klassisch der Damen zeigte Steffi Böhler, 32 J., mit ihrem 6. Platz eine hervorragende Leistung. Sie hatte die Operation eines Schilddrüsenkarzinoms hinter sich und schlug sich wacker. Nicht zu verhindern war der Sieg der Polin Kowalczyk. Nach einem Beinbruch lief sie, mit Schmerzmitteln vollgepumpt, ihren Sieg nach Hause. Möglicherweise wird sie dafür noch einen hohen Preis zahlen.

Einige Vertreter der Nationen, die keine Chance aufs Treppchen hatten, habe ich bereits vorgestellt. Der bereits erwähnte 44-jährige Langläufer Dachhiri Sherpa aus Nepal gehört  dazu. Mit einer Laufzeit von 55 Minuten über 15 km klassisch wurde er 86. und damit Vorletzter. 1948 in St. Moritz lief man noch 18 km. Auf diese Distanz umgerechnet, wäre er vor dem damaligen Sieger Martin Lundstroem aus Schweden ( 1:13:50) überlegen Olympiasieger geworden.

In den drei Wettbewerben der Nordischen Kombination konnte man sich auf Eric Frenzel  verlassen. Vor dem Japaner Akito Watabe gewann er das Skispringen von der Normalschanze. Den Vorsprung für das anschließende 10-km Rennen vor der Konkurrenz gestalteten die Beiden wie Radprofis bei einem Ausreißversuch auf der Straße. Sie wechselten sich in der Führungsarbeit ab und hielten die Verfolger so auf Distanz. Die Deutschen in der Verfolgergruppe beteiligten sich nicht an der Führungsarbeit. Sie ließen die anderen arbeiten. Bei 12 Grad plus in der Loipe war das Rennen äußerst mühsam. Beim letzten Anstieg trat Frenzel an, ließ seinen Konkurrenten hinter sich und überquerte als Erster die Ziellinie. Dritter wurde der Norweger Magnus Krog. Ich bin überzeugt, es war einer der absoluten Höhepunkte der Spiele. Dem Reporter versagte vor Rührung fast die Stimme

Aus deutscher Sicht bescheuert, organisierten sich die drei Deutschen beim Lauf nach dem Springen von der Großschanze. Eingangs der Zielgeraden waren sie zu fünft; drei Deutsche, zwei Norweger. Der Norweger Graabak nahm die Innenbahn. Die drei Deutschen wollten außen vorbei. Dabei verhedderten sie sich zu einem Knäuel aus Ski und Stöcken. Einer kam zu Fall. Inzwischen zog der an fünfter Stelle liegende Norweger Magnus Moan locker an dem Durcheinander vorbei und holte sich Silber. Fabian Rießle wurde Dritter. Anschließend machten sich die Norweger über die tumben deutschen Toren lauthals lustig. Das schmerzte.

Mit dieser Cleverness belohnten sich die Norweger ein zweites Mal im Mannschaftswettbewerb mit Gold. Hinter den Silber-Deutschen wurde schließlich Österreich Dritter. Auch hier lagen vor der Schlusskurve der Deutsche und der Norweger gleichauf. Als der Deutsche auf die Innenbahn wollte, verengte der Norweger einfach den Raum. Dann wollte der Deutsche außen vorbei. Jetzt spurte der Norweger nach außen und versperrte dort den Weg. Das war ebenso clever, rücksichtslos und unsportlich wie bei der Langlauf-Sprintstaffel.

Da die Situation sich dreimal wiederholte und wir jedes Mal den Kürzeren zogen, hilft vielleicht ein wenig Taktikunterricht vor der nächsten Olympiaveranstaltung. 

Felix Loch war nach seinem Olympiasieg im Rodeln außer Rand und Band. Nach seinem Sieg in Vancouver wiederholte er jetzt den Olympiasieg mit 24. Was kann man von ihm noch erwarten? Denn wie sorgsame Väter hoben der Zweite Albert Demtschenko

( Russland, 42 Jahre) und der Dritte Armin Zöggeler ( Italen, 40 Jahre) den jungen Spund freundschaftlich auf ihre Schultern. Im Damenwettbewerb gewann Natali Geisenberger vor Tatjana Hüfner, die in Vancouver ihrerseits die Goldmedaille holte. Wendl/Arlt ließen sich schließlich im Rodeldoppelsitzer den Sieg nicht nehmen. Dabei sitzen die gar nicht auf dem Schlitten, sie liegen drauf wie zwei Würste übereinander. Das soll jetzt keine Majestätsbeleidigung sein. Ich sehe ja ein, wenn der Rodelexpress einmal rollt, scheint er nicht aufzuhalten sein. Starten drei Olympiasieger als Team, dann ist die Goldmedaille nicht weit. Dahinter gewann Russland Silber und Lettland Bronze. Das war die vierte Goldmedaille im vierten Wettbewerb. Mehr geht in dieser Disziplin nicht.

Dabei scheint mir Rodeln noch ausbaufähig. Warum führt man denn nicht noch den Mixed-Wettbewerb ein? Dann hätte man eine weitere Gelegenheit, Medaillen zu sammeln. Hätte Alice Schwartzer nicht ihren Ruf  versaut, müsste sie jetzt das Damendoppel im Rodeln fordern, nachdem es diese Paarung bei den Männern bereits gibt. 

Fährt man beim Rodeln auf dem Rücken, so geht es beim Skeleton genau anders herum.

In den 8 Wettbewerben im Short Track gab es 24 Medaillen im Angebot. Kein Deutscher wollte sie haben. Dabei sind die Wettbewerbe rasant, oft Glücksache, wenn man sich gegenseitig umfährt, aber extrem TV-geeignet. Wahrscheinlich liegt es an fehlenden Eisbahnen, warum dieser Sport bei uns so unterbewertet wird. Bei den Qualifikationsrennen vor Olympia hatte die 15-jährige Deutsche Anna Seidel Glück. Weil sich in einem Qualifikationswettbewerb eingangs der Kurve vor dem Ziel gleich alle vier vor ihr liegenden Sportlerinnen mit Stürzen verabschiedeten, kurvte sie als eigentlich aussichtslos Letzte um alle herum und gewann das Rennen. Damit war sie qualifiziert. In Sotschi überstand sie sogar die erste Ausscheidungsrunde über 1500 Meter.

Die Staffel der Herren war sehr spektakulär mit den dauernden Wechseln in der Führung einer Mannschaft. Es gewann schließlich Russland vor den USA und China.

Bei den Entscheidungen in den beiden Skeleton-Wettbewerben waren weder deutsche Damen noch Herren mit Nähe zu den Medaillenrängen beteiligt.

Skeleton konnte mit den Rodelerfolgen nicht mithalten. Man fährt zwar auf derselben Bahn, aber mit altmodischem Gerät. So hat die Pilotin einen Schlitten aus dem Jahre 2006. Dazu ist sie – das beweisen die Startzeiten – nicht athletisch genug. Entweder man wird vom Verband aktiv oder man lässt es besser sein. Der Bundestrainer meinte dazu: „ Die Konkurrenz hat uns links und rechts überholt.“ Hier ist „Dabeisein“ noch alles. Bei den Männern ist das nicht anders. Zwar glaubte Frank Rommel, er habe die Seele der Bahn erkannt. Wie eine Bahn über eine Seele verfügt, ist mir ebenso ein Rätsel wie der Erkenntnisprozess beim Sportkameraden Rommel. Bei den schwachen Startzeiten nützte ihm das nichts. Wie bei den Frauen haben sie schon auf den ersten Metern verloren. Mir bleibt verborgen, warum man das nicht ändern kann.

Beim Skeleton wäre ein Mixed-Wettbewerb eine echte Bereicherung. Keine Frage, hier muss auch noch ein Herren- und Damendoppel eingeführt werden. Schließlich reden fast alle davon, bei Olympia vor allem Spaß haben zu wollen.

Glaubt man alten Fotos von der Olympiade 1928 in St. Moritz, dann hatte man damals viel Spaß. Neben 24 Telefonen, die die Schweizer Post extra installierte, sah man am Rande der Bahn noch viele Kutschen. Eine mitfahrende im 4. Monat Schwangere meinte nach ihren Läufen ganz trocken: „ Eigentlich hätte ich ja im Doppel starten müssen.“

Zu den Höhepunkten jeder Olympiade zählen die Wettbewerbe in der Disziplin Ski Alpin.

In immerhin 10 Wettbewerben wurden 31 Medaillen verteilt, eine mehr als üblich. Im Abfahrtslauf der Damen gab es zwei Goldmedaillen, weil zwei Konkurrentinnen bis auf die Hundertstelsekunde gleichauf im Ziel ankamen.

Den Abfahrtslauf der Herren gewann Matthias Meyer aus Kärnten. Er war der strahlende Sieger im spannenden Rennen. Damit war die Ehre Österreichs zementiert, jetzt konnte für sie kommen was wolle. Ebenso interessant wie das Rennen waren aber die Begleitinformationen. So lernten wir den „ Hängenden Sprung“ kennen, d.h. der Hang fällt nach rechts, die Skifahrer müssen aber nach links springen. Ist uns allen aus früheren Jahrhunderten der Donnerbalken bekannt, so wurde er hier um den „ Injektionsbalken“ ergänzt. Das ist kein Balken für eine Elefantenimpfung, das ist eine Vorrichtung, mit deren Hilfe man Wasser in den Hang leiten und ihn vereisen kann. Der Schweizer Marco Büchel, ZDF-Co-Moderator, erklärte uns dazu, dass es gut sei, wenn man dann den Ski flach legt. Ski flach legen ist in der Tat originell. Demgegenüber empfiehlt der ehemalige Skispringer Thoma als ARD-Kommentator die Ski flach zu stellen. Deshalb bitte ich die Flachleger oder Flachsteller, mir mitzuteilen, was nun gilt.

Die Abfahrtsstrecke, entworfen von Bernhard Russi, Schweizer Olympiasieger 1972 in Sapporo, war so lang wie etwa die Streif in Kitzbühel. Dazu war sie sehr schnell mit Geschwindigkeiten knapp an die 140 km/h und Sprüngen von 60 – 70 Metern. Hier scheint mir eine Grenze des Zumutbaren erreicht zu sein. Rätseln darf man über den Namen eines Sprunges, der „Bärenbraue“ genannt wird. So wichtig hat bisher niemand die Braue eines Bären genommen.

Im übrigen ist die Truppe der Abfahrtsläufer eine Invalidentruppe. Kaum einer war von einem Kreuzbandriss verschont worden. Kaputte Bandscheiben, lädierte Knie, Armverletzungen etc. ließen einzelne Fahrer bei der Abfahrt vor Schmerz aufschreien. Auf den Punkt brachte es der Kanadier Eric Guay. Er meinte: „ Solange ich keine Krücken brauche, geht es mir gut.“ Denke ich an die Spätschäden, sträuben sich mir die Haare. Vom Zweiten in der Abfahrt, Christof Innerhofer, der im Rahmen der Kandaharrennen vor zwei Jahren in Garmisch mit uns im Hotel wohnte, weiß ich, dass er kaum einen Tag ohne Schmerzmittel auskommt. Das hat ihn aber nicht gehindert, in der Alpinen Kombination der Männer nach Silber in der Abfahrt die Bronzemedaille einzufahren. Zweiter wurde der Kroate Kostelic. Er hatte gerade die 11. Knieoperation hinter sich gebracht. Den Schweizer Sieger Viletta hatte wirklich keiner auf dem Wettzettel. Das ist das Spannende an Olympia. Es gibt immer wieder Außenseiter, die eine phantastische Rolle spielen.

„Gemma“ meinte Abfahrtsolympiasieger Mayer beim Start zum Kombinationsslalom lakonisch. Das war eine Spur zu abgeklärt. „ Der Innerhofer trinkt heute Abend das Italienerhaus leer“, meinte der Reporter zu Silber und Bronze für den Südtiroler. Ich weiß nicht, ob ihm das gelungen ist. Im Deutschen Haus wäre es nach Meinung etlicher Athleten ohne Probleme gegangen. Deshalb mussten dieselben regelmäßig bei den Österreichern vorbei. Das stärkt zwar die Freundschaft unter den Sportlern, ist aber kein Zeichen guter Planung und Logistik.

Stille Freude zeigte Maria Höfl-Riesch bei ihrem Sieg in der Alpinen Kombination. Es war ihre zweite Goldmedaille in diesem Wettbewerb. Schon 2010 in Vancouver hatte sie diesen Wettbewerb gewonnen.

Leider summierten sich bei ihr in der Abfahrt einige kleinere Fehler. Deshalb fuhr sie nicht unter die ersten Zehn. Die Slowenin Tina Maze und die Schweizerin Dominique Gisin kamen bis auf die Hundertstelsekunde gleich ins Ziel und wurden zusammen Siegerinnen. Das war der erste Olympiasieg für Slowenien. Dritte wurde die Schweizerin Lara Gut.

Höfl-Riesch entschädigte sich dafür im Super-G hinter der Österreicherin Anna Fenninger und vor der anderen Österreicherin, Nicole Hosp, mit Silber. Den guten Gesamteindruck bei den Damen rundete im Riesenslalom Viktoria Rebensburg mit Bronze ab. Nur Tina Maze und Anna Fenninger waren schneller.

Zweimal Gold wie bei der Damenkonkurrenz gab es vorher nur dreimal. 1928 ( St. Moritz ) siegten im Eisschnelllauf über 500 m Thunberg ( Finnland ) und Evensen ( Norwegen ). 1972 ( Sapporo ) gab es bei den Rodel-Doppelsitzern ein Patt zwischen den Italienern Hildgartner/Plaikner und den Deutschen Hörnlein/Bredow und 2002 ( Salt Lake City ) bei den Eiskunstlauf-Paaren mit zwei russischen Paaren.

Unter den Starterinnen war auch die Stiegler Resi aus USA.

Stiegler? – da war doch was?

Richtig: Vater Pepi gewann 1964 in Innsbruck Gold für Österreich im Slalom. Danach wanderte er aus und gründete überm Teich eine Skischule. Die Tochter ist nun nicht so erfolgreich, aber sie ist genau so ehrgeizig wie ihr Vater. Sonst hätte sie nach Knöchelbruch, Armbruch, 2 x Schienbeinbruch, Bänderrisse im Knie, Fußbruch und schließlich ein kapitaler, Oberschenkelbruch die Ski an einen ihrer Nägel aus dem Körper gehängt. Für sie galt in Sotschi das Motto: Dabei sein ist alles. Sie will das sich noch antun für 2015. Dann sind die Alpinen Skiweltmeisterschaften in Vail/USA vor der Haustür und 2018 Olympia in Korea.  

Die Disziplin Ski – Freestyle war 2010 mit sechs Wettbewerben ausgeschrieben. Da es auch hier spektakuläre Wettkämpfe gab und man der Sensationsgier des Publikums gerecht werden wollte, hat man in Sotschi auf 10 Wettbewerbe mit 30 Medaillen im Angebot aufgestockt. Ging man bereits 2010 aus deutscher Sicht leer aus, hat sich das 2014 verschärft wiederholt. Man hat es in den ganzen Jahren nicht fertig gebracht, entsprechende Trainingsanlagen ( Halfpipe etc.) zu errichten.

Im Slopestyle-Damenwettbewerb  ging es über Hindernisse aller Art:  Es gab Geländer, Gräben und Treppen. Die Strecke war 635 m lang. Den Abschluss bildeten die Schanzen, die hoch wie ein vierstöckiges Haus waren. Dabei war es auch an dieser Wettkampfstätte so warm, dass man im T-Shirt antrat. Alle Designerwinterkleidung der einzelnen Nationen wurde in der Hitze immer fragwürdiger. Es gab nur einmal einen wärmeren Tag. 1948 in St. Moritz erreichte das Thermometer einmal unschlagbar scheinende 21 Grad für eine Winterolympiade.

In Sotschi gewann den Wettbewerb eine Kanadierin vor einer Amerikanerin. Bronze ging ebenfalls an Kanada. Die Siegerin Dara Howell widmete den Sieg ihrer Freundin und Konkurrentin Sarah Burke. Sarah starb nach einem schweren Sturz. Die Fragwürdigkeit dieser Art, eine Anlage herunter zu fahren wird um so höher, je mehr Turner und Turnerinnen oder Turmspringer die Sportart wechseln. Die haben zwar ein feines Gefühl für ihren Körper. Sie können nur nicht Ski fahren.

Unvergessen bleibt aber die Beurteilung des Reporters über die Künste einer Engländerin, die Sechste wurde: „ Die Engländerin packt die Brezel raus. Aber das sieht nicht nach Brotzeit aus.“ Was er mir damit sagen wollte, erklärte er nicht. Es wird schon viel Unsinn geredet, bis der Tag um ist. Unsere hübsche deutsche Teilnehmerin fiel leider in den Schnee. Dabei kann Lisa Zimmermann mit den Ski Drehungen vorführen, die meine sofortige Einweisung ins Krankenhaus nach sich zögen. Schließlich hatte sie vor einem Jahr als erste Frau den uns allen geläufigen „Double Cork 1260“ gestanden – einen Doppel-Salto mit dreieinhalb Schrauben und den Händen an den Skiern.

Benedikt Mayr aus München, 24, war im Ski-Slopestyle gestartet. Seine Verletztenliste hört sich an, als sei er Sparringspartner der promovierten deutschen Kickboxerin: Zwei Kreuzbandrisse, Meniskusrisse, Knorpelschaden, gebrochene Rippen, gebrochener Arm, gebrochener Rückenwirbel, ausgeschlagene Zähne, ca. 10 Gehirnerschütterungen. Der junge Mann wird wahrscheinlich in 10 Jahren im Rollstuhl sitzen. Kann das der Sinn von Olympia sein ? Niemals - kann hier nur die Antwort lauten. Bene startete, stürzte aber am dritten Hindernis, zum Glück ohne Verletzung und schied aus.    

Die neu aufgenommenen Skiakrobatikwettbewerbe sind gefährlich aber populär. Der spektakulär lebensgefährliche Sturz des Skispringers Thomas Morgenstern aus Österreich wurde auf YouTube über sechs Millionen Mal angeklickt. Der Amerikaner Shaun White, Olympiasieger von 2006 und 2010 und mit seiner Skiakrobatik zum Multimillionär geworden, sagte seine Teilnahme im Slopestyle-Wettbewerb ab. Es war ihm zu gefährlich. Im weniger risikoreichen, aber auch weniger spektakulären Halfpipe-Wettbewerb wurde er Vierter hinter einem Schweizer und zwei Japanern. Der Schweizer Olympiasieger heißt übrigens Podlatchikov. Selbst in den einsamsten Dörfern Graubündens oder des Wallis gibt es keine Einheimischen dieses Namens. Mit der „Tor zu“ Kampagne der Schweizerischen Volkspartei wird sich das Thema von selbst regeln. P. ist vorher durchgeschlüpft. Er ist gebürtiger Russe.

Es gab im SkiCross der Damen keinen Lauf, nach dem nicht eine Athletin mit dem Akia abtransportiert werden musste. Die Ausfallquote war fast so hoch wie bei den antiken Gladiatorenkämpfen im antiken Rom.

Die fuhren teilweise auch ohne Stöcke, um in der Halfpipe ihre Sprünge und Salti besser bewältigen zu können. Ich vermag den „ Black Full Double Full Full“ nicht von einem Doppelschraubensalto mit integrierten drei einfachen Schraubensalti von anderen Sprüngen  zu unterscheiden. Das sieht aus wie Turmspringen mit Ski. Die müssen gar keinen einfachen Bogen auf Ski fahren können, denn der Gegenhang stoppt die Ski. Eine Bulgarin gewann vor einer Australierin und einer Chinesin. Das war reiner Circus. Diese Wettbewerbe sollten wieder abgesetzt werden. Die Russin Maria Komissarowa stürzte live vor unseren Augen und brach sich den 12. Brustwirbel. Sie wird lebenslang querschnittsgelähmt sein. Muss man so den amerikanischen TV-Anstalten Tribut zollen, die eine Menge Geld für die Übertragungen bezahlen?

Hingefallen beim Skispringen von der Normalschanze ist beim ersten Wettbewerb Sportkamerad Freund. Er blieb glücklicherweise unverletzt und wurde 31. Sensationell dagegen ist der Olympiasieg von Carina Vogt im Skiweitspringen von der Schanze. Die Schwäbin strahlte und meinte: „ I steh jetzt zum erschte Mohl auf dem Podeschtle.“ Wer Übersetzungshilfe braucht, möge mich anrufen. Als erste Olympiasiegerin in der Geschichte steht die Schwäbin zukünftig in den Geschichtsbüchern Olympias.

Das zweite deutsche Gold im Teamwettbewerb vor Österreich und Japan überstrahlte dann viele vorherige Enttäuschungen. Alle waren gerührt. Reporter Matthias Optenhövels Stimme wurde ganz weich. Der Co-Reporter und frühere Olympiasieger Dieter Thoma, der das Ergebnis richtig vorher gesagt hatte, kommentierte mit feuchten Augen. Gestandene Männer unter den Betreuern schämten sich ihrer Tränen nicht.  

An dieser Stelle sei einmal ein kritisches Wort gesagt über die dämliche Art deutscher Reporter, die jeden deutschen Sportler in die „Mission Gold“ einordnen. Danach müssen sie in der Regel kleinlaut zurückrudern. Ein Beispiel: Bei den Wettbewerben am Dienstag, 11.02., standen acht Wettbewerbe auf dem Programm. Siebenmal redeten sie vorher Gold herbei. Zwei Goldmedaillen und eine Silbermedaille waren letztlich die Ausbeute.

Seither sprach zumindest Rudi Cerne nur noch von Medaillenhoffnungen. Das ist eine angenehme Entwicklung bei den Journalisten . Was erwarten wir denn von den Sportlern? Wir erwarten von ihnen, dass sie ihre persönliche Topleistung abrufen. Nicht mehr und nicht weniger. Dafür sind die öffentlichen Mittel aus Steuern richtig angelegt. Es gehört zum Sport, eine Niederlage einstecken zu müssen, wenn man trotz Superleistung anderen den Vortritt lassen muss.

Kritisch wie beim Ski-Freestyle-Bereich muss auch bei  den Snowboard-Wettbewerben festgehalten werden, dass bei 10 Wettbewerben mit 30 Medaillen die Bilanz eher zufällig gerettet werden konnte. Im letzten Wettbewerb, dem Parallel-Slalom, reüssierten Anke Karstens und Amelie Kober mit Silber und Bronze hinter der Österreicherin Julia Dujmovits..

Den Snowboard-Halfpipe-Wettbewerb gewann die US-Amerikanerin Kaitlyn Farrington aus Colorado vor der Australierin Bright ( Olympiasiegerin in Vancouver !!) und der Amerikanerin Clark. Sie kommt aus einer Bauernfamilie. Ihr Vater, erzählt sie, musste jedes Jahr eine Kuh verkaufen, damit sie trainieren und zu Wettbewerben fahren konnte. Hätte sie dann keine Unterstützung von Dritter Seite erhalten, wären auch die Pferde verkauft worden.

Bilanz:

 

Olympia produziert strahlende Helden und bitter enttäuschte Verlierer. Es sind die zu Herzen gehenden Schicksale, die in zwei Wochen so dicht beieinander liegen. Zu Glück oder Unglück kommen oft entscheidende Zufälle hinzu.

Dabei sind es eher die heldenhaften Verlierer, die uns in Erinnerung bleiben. Denken wir an London 1908. Der italienische Marathonläufer Pietri stürzt vor Erschöpfung weit in Führung liegend kurz vor dem Ziel und kommt nicht mehr hoch. Kampfrichter, die das Drama nicht mehr ertragen konnten, halfen ihm auf und geleiteten ihn zum Ziel. Die erbarmungslose Disqualifikation trotz Bestzeit war die Folge. Jeder, der sich mit Olympia beschäftigt, hat diese Szene im Kopf. An den, der gesiegt hat, an den Olympiasieger John Hayes aus den USA erinnern sich heute vielleicht noch die Ur-Ur-Enkel und sonst nur Olympiaexperten.

Für den Finnen Juha Mieto würde sich außer einem Historiker, der eine Arbeit über seine Tätigkeit im finnischen Parlament schreibt, niemand interessieren. Uns bleibt er als „ewiger Zweite“ und großer Pechvogel in Erinnerung. 1980 in Lake Placid lag er nach 15 km eine Hundertstelsekunde hinter dem Schweden Thomas Wassberg. Anschließend rannte Wassberg von Pontius zu Pilatus im IOC, um auch für Mieto eine Goldmedaille zu erreichen. Das IOC lehnte ab. Was machten die Schlauberger, die „Hüter der olympischen Idee“?  Sie änderten die Zeitmessung, die anschließend nur auf Zehntelsekunden eingerichtet wurde. Damit waren Mieto und Wassberg zeitgleich. Die verdiente Goldmedaille erhielt er trotzdem nicht.  

Nostalgie gerade bei Olympia ist schön. Nüchterner bieten sich aber die Zahlen nach Sotschi für eine Bewertung. Man brach auf nach Sotschi mit 153 Sportlern und der Zielvorgabe des DOSB-Generalsekretärs Vesper von plus-minus 30 Medaillen. Die 19 Medaillen, mit denen man heimkehrte, erinnern an den Tiger, der sprang und als Bettvorleger landete. Dabei waren angesichts der Dichte der Leistungen an der Spitze die Medaillenvorgabe von Anfang an von wenig Sachkenntnis geprägt. Allein Gastgeber Russland brach mit 33 Medaillen die Schallmauer von 30 Medaillen. Norwegen ( 26 ), Kanada ( 25 ), USA ( 28 ) und die Niederlande (24) liegen auf einer Ebene dahinter. Deutschland ( 19 ) ist nur noch Mittelmaß. Dahinter rangieren die Schweiz, Österreich, Frankreich und Schweden. Insgesamt 26 Länder teilten sich die Medaillen. Es ist bisher eigentlich unvorstellbar gewesen. Die Flachlandtiroler aus den Niederlanden sind eine erfolgreichere Wintersportnation als wir. Da ist entweder etwas grandios schief gelaufen oder wir bewegen uns in einer Spirale der Erfolgslosigkeit nach unten oder beides kam zusammen.

Auffällig ist, dass Deutschland in den klassischen Skidisziplinen nicht überall vertreten war. Das ist an sich schon peinlich. In der Herren-Abfahrt und im Herren-Super-G vertrat keiner die deutschen Farben. Und schon gar nicht bei den jungen Wettbewerben ShortTrack, Snowboard oder Trickskifahren.

Schauen wir uns einmal die sieben Disziplinen mit den meisten Wettbewerben und folgerichtig den meisten Medaillen ( 219 ) an und welche Medaillen die Deutschen erhielten:

  1. 12 x 3  = 36 Medaillen           1 x Bronze

Eisschnelllauf 12 x 3 =  36                            0

  1. 11 x 3 =  33                            2 x Silber
  2. 10 x 3 =  30                            0
  3. 10 x 3 =  30                            1 x Silber, 1 x Bronze

Ski Alpin        10 x 3 =  30                            1 x Gold, 1 x Silber, 1 x Bronze

  1. 8 x 3  = 24                             0

Die acht Medaillen sind daraus einfach zu wenig. Jeder kann die notwendigen Folgerungen  ziehen. Danach stellt sich die Frage, ob wir uns über den Sport auch international definieren. Diese Frage möchte ich uneingeschränkt bejahen. Natürlich gründet sich unser internationales Ansehen über den Export und die Wissenschaft. Außer der schlecht vorzeigbaren Braun- und Steinkohle haben wir keine Rohstoffe. Noch haben wir den Faktor Bildung und ein international vorzeigbares duales Ausbildungssystem. Zum Image gehört aber auch der Sport. Deshalb sind die Gelder, die aus Steuermitteln über das Innenministerium, Polizei, Zoll und Bundeswehr investiert werden, dringend notwendig. Hier darf auch die Sporthilfe nicht vergessen werden.    

  1. bieten sich drei Strategien an:
  2. Die Stärken stärken, d.h. Rodeln und die alpinen Wettbewerbe weiter forcieren. So haben die Niederlande im Eisschnelllauf so ziemlich alles, oft mit allen Medaillen in einem Wettbewerb, abgeräumt. Im Medaillenspiegel waren sie zu ihrer großen Freude insgesamt erfolgreicher als die Deutschen. Das ist für uns so etwas wie die Höchststrafe.
  3. Die Schwächen stärken. Dazu bedarf es der Grundlagenarbeit. Trainingsmöglichkeiten, Trainingsstätten, Nachwuchsrekrutierung und Förderung müssen überprüft werden und Folgerungen gezogen werden. Deutsche Trainer sind noch nicht einmal flächendeckend das Problem. Oft führen sie erfolgreich andere Sportler in die Weltspitze. Dort werden Trainer auch besser bezahlt als bei uns.
  1. Bleiben noch die Schulen und Universitäten. Wollen wir auf Dauer nicht den Anschluss verlieren, müssen die Schulformen Sport auf breiter Basis ermöglichen. Im universitären Bereich ist jetzt die Uni Bonn vorgeprescht. Sie geht bewusst auf Spitzensportler zu und stimmt Prüfungstermine ab, ohne den Sportlern etwas zu schenken. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Dagegen hatte Sohn Mirko unmittelbar nach einer Europameisterschaft eine wichtige Examensklausur an der Uni Köln zu schreiben. Versuche, die Klausur zu verschieben, scheiterten im Ansatz. „Es ist gut, dass Sie Deutschland international vertreten. Das ist notwendig. Uns ist es aber egal. Sehen Sie zu, wie Sie zurecht kommen.“ Das ist zur Zeit die Realität. 

Es fiel mir weiter auf, dass die Deutschen in Sotschi besonders krankheitsanfällig waren. Virusinfektionen und Erkältungen, also keine sportbedingten Unfälle, schwächten die Truppe.

Man wusste im voraus von der Trockenheit in den Räumen, hatte Ärzte dabei und bekam das nicht in den Griff. Das wird mir ein Rätsel bleiben.

Zugegeben, man hatte auch viel Pech. Das zeigen 12 vierte Plätze. Das ist bedauerlich. Uns Steuerzahlern ist es Nachweis genug, wenn der/die Athlet/in zum richtigen Zeitpunkt des Wettkampfes seine persönliche Höchstleistung bringt. So bleibt in dieser Beziehung kein bitterer Nachgeschmack.

Wenn sich allerdings nichts grundlegendes ändert, dann wird Pyeongchang das Desaster werden, an dem man in Sotschi noch haarscharf vorbeigedriftet ist. Gleichwohl hat sich Deutschland in Sotschi als große Wintersportnation verabschiedet und sich in die zweite Reihe eingereiht.

Der ursprünglich vorgegebene Zielkorridor von 27 – 42 Medaillen !!! wurde wie 2012 in London weit verfehlt. Wer sind im DOSB die Traumtänzer ? Die 30-er Medaillengrenze hat in Sotschi allein das Gastgeberland Russland knapp übertroffen ( 33).

Ärgerlich war die Erwartungshaltung vieler Journalisten, die aus jedem/er Deutschen Athleten/in eine Medaillenhoffnung machten. Nur ein Beispiel: Im Skicross-Damen wurde Heidi Zacher zur Goldhoffnung, weil sie drei Jahre zuvor !! einmal ein Rennen gewonnen hat. Prompt schied sie im Achtelfinale aus. Was soll dieser Blödsinn ? Gehen wir einmal davon aus, dass die Journalisten nicht ganz deppert sind. Das kann möglicherweise nur daran liegen, dass sie die Zuschauer bei der Stange halten wollen. Diese Berufsgruppe sollte Sotschi als Chance nutzen, ihre Leistung ebenfalls kritisch aufzuarbeiten .

Siegbert Heid, 11.03.14

                       

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